Gedanken – Kultur in der Fläche

Gedanken – Kultur in der Fläche

Gedanken vor der Abfahrt:

2017 hat begonnen. Nun arbeite ich schon über drei Jahre bei der Konzertdirektion Landgraf. Eine gute Zeit mit vielen Einblicken in einen Mikrokosmos, der in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht wirklich vorhanden ist.

Was ein Stadt- oder Staatstheater ist, das wissen die meisten. Auch die großen Show-Arenen oder Musical-Hallen sind vielen ein Begriff. Doch welch Flora und Fauna sich im Bereich des Tourneetheaters gebildet hat, das ist im allgemeinen Bewusstsein nicht angekommen. Das liegt zu großen Teilen daran, dass die überregionalen Medien diesen Bereich fast vollständig ausblenden.  Was auf Tournee geht, das kann halt keine „Hochkultur“ sein.

Allerdings ist es bestenfalls bequem, schlimmstenfalls arrogant dies zu behaupten. Im Tourneetheater sind richtige Perlen zu finden, die sich keinesfalls vor Stadt- oder Staatstheater verstecken müssen. Wunderbare, anspruchsvolle und wertvolle Aufführungen sind darunter zu finden, seien es Klassiker wie „Die Schachnovelle“, „Jeder stirbt für sich allein“ oder „Des Teufels General“ oder jüngere Werke wie „Verbrennungen“, „Verrücktes Blut“ oder „Vater“. Auch im Bereich der Komödie sind nicht nur platte Schenkelklopfer unterwegs. „Frau Müller muss weg“, „Der Vorname“ oder „Ziemlich beste Freunde“ sind ein Beweis, dass Unterhaltung nicht das Gegenteil von einer geistreichen Thematik sein muss.

Auch im Tanz bringen wir Companys nach Deutschland, die international bekannt sind und auf Weltniveau performen. Das legendäre „Apollo Theater New York“ war mit uns gar zum ersten Mal außerhalb der USA unterwegs, die Limón Dance Company zeigt hochanspruchsvollen Modern Dance, der auch historisch durchaus von Bedeutung ist – Tanzschulen lehren noch heute die „Limón Technik“. „Dada Masilo“ ist ein wahrer Shootingstar der Tanzszene und mit ihrer intelligenten afrikanischen Version des „Schwanensee“ sonst nur auf großen Festivals oder in finanzstarken Tanzhäusern zu sehen. Dabei entdecken wir immer wieder, dass die intellektuell-verbale Kommunikation nicht die einzige ist. Im Gegenteil bietet der Ausdruck über den eigenen Körper, sei es Tanz, Physical Theater oder Akrobatik, vielen die Möglichkeit etwas zum Ausdruck zu bringen, wozu sie verbal nicht in der Lage wären – das wissen wir spätestens seit Rhythm is it.

Dem Entertainment-Bereich, der oft als nichtssagende Unterhaltung abgetan wird, fällt in Wirklichkeit eine ganz besondere Aufgabe zu. Hier bringen wir oft junge Companys wie die „Brodas Bros“ aus Barcelona, die „Sonics“ aus Italien oder „Company 2“ aus Australien in die Deutschen Lande – eine internationale Arbeit, die nicht nur dem Publikum Freude macht, sondern wie nebenbei auch Brücken schlägt. Wenn sich das gealterte Abo-Publikum für Breakdance begeistern lässt und die junge Generation die Schwellenangst zum Theater abbaut und Gefallen an Jazz-Musik findet, kann hier mehr geleistet werden, als nur zu unterhalten. Dennoch fällt es oft leichter zu unterstellen, dass dies nicht der Anspruch von Tourneetheater sei.

Was das Theater in der Fläche an kultureller Basis schafft, können die Aufführungen der sogenannten Leuchttürme nicht leisten. Derzeit sehen wir auch in der Politik (und nicht nur in Deutschland), was passiert, wenn man versucht alles über die Elite zu leiten und zu formen. Wer sich vor einem Kulturinfarkt schützen will (anders wie im gleichnamigen Buch von Dieter Haselbach behauptet), muss die Basis stärken, statt Eliten zu fördern.

Ich denke, das ist ein Grund, warum ich diese Arbeit gerne mache. Manchmal hilft es einfach, sich daran zu erinnern.

 

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